Thomas über den digitalen Wandel

Thomas Hemmer arbeitet, kämpft und streitet für die erfolgreiche digitale Transformation des produzierenden Mittelstands. Seit Oktober 2006 ist er Mitgründer und Chief Technology Officer der conplement AG. Dort verantwortet er heute den Bereich Research and Product Development. Mit seinen Kollegen unterstützt er Unternehmen beim Erkennen und Realisieren des Potentials der Digitalisierung. In vorherigen Stationen war er lange als Experte für Software Engineering und digitale Technologien tätig. Schwerpunkte seiner Arbeit waren dort effektive agile Methoden, Technologie- und Innovationsmanagement. Lesen Sie im zweiten Teil unseres Interviews zum Thema "Akzeptieren Sie den Wandel", was er zur Digitalisierung zu sagen hat.
Thomas Hemmer
Thomas Hemmer
25.06.2019
Verschwommene Menschen  | © Photographee.eu/shutterstock.com
Frage: Warum fördern Kooperationen zwischen Start-ups und Unternehmen die Digitalisierung von Geschäftsmodellen und -prozessen?

Ich habe das aktuelle Umfeld mit „VUCA“ beschrieben. Was für etablierte Unternehmen ein Ausnahmezustand ist, ist für Startups der Normalfall: das Finden von Kunden, Wertversprechen und Geschäftsmodell bei knappen Ressourcen und hohem Zeitdruck. Von Startups lassen sich also essentielle Fähigkeiten lernen: das Finden und Verändern von tragfähigen Geschäftsmodellen und dafür notwendigen Prozessen. Ob es dazu Kooperationen, M&A, Gründungen oder Austausch anderer Art benötigt, ist dabei zweitrangig. In den letzten 15 Jahre wurden die Eckpfeiler einer neuen Management-Theorie herausgebildet, erprobt, verbessert und verbreitet. Die Startups der Innovationszentren im Silicon Valley und anderswo waren dafür das Labor. Dort wurde das Organisieren und Führen im „VUCA“-Umfeld verstanden und gelöst. Herausgekommen ist fast das Gegenteil dessen, was die klassische Management-Ausbildung bis zum Jahr 2000 umfasst hat. Bücher wie "Lean Startup" von Eric Riess, "The Innovators Dilemma" von Clayton Christensen, "Business Modell Generation" von Alex Osterwalder geben dazu einen ersten Impuls. Die Notwendigkeit dazu kann man sich in den Büchern „Silicon Valley“ und „Silicon Germany“ von Christoph Keese klarmachen lassen.

Frage: Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeitswelt? Wird der Mensch überflüssig?

Ja, unsere Arbeitswelt wird sich radikal verändern. Aber nein, der Mensch wird ganz und gar nicht überflüssig. Viele Berufsbilder werden verschwinden, andere sich stark wandeln und ganz viele neu entstehen. Wir erleben aktuell einen Höhepunkt an Durcheinander und Verwirrung, weil an jahrzehntelang gültigen Prämissen gerüttelt wird und sicher geglaubte Fundamente ganzer Branchen zerbröseln. Das erhöht die Unsicherheit bei vielen Beschäftigten, die seit Jahren eine zunehmende Veränderung ihrer beruflichen Anforderungen erleben. Darauf müssen Gesellschaft, Politik und Unternehmen eingehen. Das wird Jahre dauern und viel Geld kosten. Natürlich ist es unbequem, sich konsequent mit den Folgen der Digitalisierung zu beschäftigen. Aber letztlich bietet sich uns die Chance, neu zu denken, wie wir die Arbeitsleistung in unserer Gesellschaft verteilen wollen, welche Probleme wir lösen wollen. Als Beispiel für solche Diskussionen möchte die Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen anführen.
 

Frage: Welche Anforderungen stellt der disruptive Wandel, der in vielen Branchen durch die Digitalisierung entsteht, an Führungskräfte?

Wer Antworten sucht, muss nachdenken und sich mit anderen austauschen. Das kostet Zeit. Wer bis zum Hals im Tagesgeschäft feststeckt, wird das nicht bewältigen. Erste Anforderung ist also, sein Tagesgeschäft zu delegieren und mehr Mitarbeiter in Verantwortung zu nehmen. Dann ist ein neues Handwerkszeug aus der bisher eher belächelten Startup-Welt zu erlernen, das den meisten Inhalten der eigenen Ausbildung und Erfahrung widerspricht. Schließlich gelangt man zu des "Pudels Kern" der Digitalisierung: Akzeptieren, dass der Wandel nur gelingen kann, wenn grundlegende Einstellungen, die Kultur, das Mindset und die Praktiken zur neuen Epoche passen. Auf einen prägnanten Satz gebracht: Von einer Führungskräften wird verlangt, den Manager und Verwalter hinter sich zu lassen und ein Gestalter, ein Erklärer, ein Pionier, ein Vorstreiter zu werden. Ein "Leader".

Frage: Was würden Sie Unternehmen raten um für die digitale Transformation fit zu sein?

Einem Unternehmen kann ich nichts raten. Ich habe Rat für Unternehmer: Das ist Ihre Chance! Ergreifen Sie sie! Die Karten für die zukünftige globale Wirtschaft werden neu gemischt. Was soll Ihre Rolle sein? Wozu existiert Ihr Unternehmen? Welchen Wert wollen Sie in fünf Jahren für Ihre Kunden schaffen? Denken Sie wie ein Startup, gründen Sie Ihr Unternehmen neu auf eine neue Idee. Seien Sie nutzerzentriert und besessen von den Bedürfnissen Ihrer (zukünftigen) Kunden. Vergessen Sie den Wettbewerb. Werden Sie agil, schlank, flexibel. Experimentieren Sie mit Ihrem Geschäftsmodell. Zerstören Sie es nötigenfalls selbst, bevor es neue Wettbewerber machen. Hören Sie niemals auf zu lernen, das Bisherige in Frage zu stellen und entwickeln Sie Spaß daran, Ihr Unternehmen ständig zu verändern.