conplement AG

Interview: Digitalisierung und digitale Geschäftsmodelle

Thomas Hemmer arbeitet, kämpft und streitet für die erfolgreiche digitale Transformation des produzierenden Mittelstands. Seit Oktober 2006 ist er Mitgründer und Chief Technology Officer der conplement AG. Dort verantwortet er heute den Bereich Research and Product Development.

Mit seinen Kollegen bei der conplement AG unterstützt er Unternehmen beim Erkennen und Realisieren des Potentials der Digitalisierung.

In vorherigen Stationen war er lange als Experte für Software Engineering und digitale Technologien tätig. Schwerpunkte seiner Arbeit waren dort effektive agile Methoden, Technologie- und Innovationsmanagement.



Frage: Wie verändern sich Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung?

Seit über vierzig Jahren tobt die Digitalisierung in mehreren Wellen durch unsere Gesellschaft. Spätestens 1971 begann mit dem Intel 4004 Mikroprozessor die Digitalisierung. Die ganze IT-Branche und Digitalelektronik sind daraus entstanden.

Allerdings ist durch die letzte Welle an digitalen Durchbruchsinnovationen das gesamte Ausmaß der Veränderung erst deutlich geworden. Die Digitalisierung schickt sich an, alles zu verändern: Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur. Mittlerweile ist klar, dass die Digitalisierung eine epochale und eine schnelle Veränderung ist, die nahezu alle Geschäftsmodelle erfasst.

Vom Unternehmer ist ein neues Denken über das Wertversprechen zum Kunden gefordert. Neue Kanäle zum Kunden sind zu finden und zu besetzen. Neue Monopole und Oligopole sind bereits entstanden. Es gibt ganz neue Möglichkeiten, sich zu differenzieren und Kundennutzen zu monetarisieren. Dafür wird für einige die bisherige Differenzierung quasi über Nacht obsolet. Denken Sie nur an die Automobilindustrie. Nehmen Sie nur den Verbrennungsmotor raus und auf einen Schlag bricht die Welt für einige Hersteller und Zulieferer in Scherben, die sich noch vor kurzem in souveräner Marktposition wähnten. In der dritten Reihe stehen dann Maschinenhersteller, die bis zu 80 % ihres Umsatzes mit Autoherstellern und -zulieferern machen. Da können wir in Deutschland Disruption unter dem Brennglas verfolgen.

Das alles passiert unter anderen Kostenstrukturen und Wertschöpfungsketten bei stark verändertem Konsumentenverhalten. Kurzum: es verändern sich sehr viele Elemente der Geschäftsmodelle gleichzeitig.

Frage: Was unterscheidet die digitale Transformation von einer klassischen Business-Transformation?

Rational betrachtet ist die digitale Transformation einfach nur die erforderliche Reaktion der Unternehmen auf die Disruption - also die rasche, entscheidende Veränderung – durch Innovationen auf Basis von digitalen Technologien. Das wird den aktuellen und anstehenden Veränderungen allerdings nicht gerecht.

Wenn die ganze Welt die Tür zu einer neuen Epoche aufstößt, sind Vergleiche nicht ganz einfach. Außer der Industrialisierung und der darauffolgenden Gründerzeit von etwa 1750 bis 1880 gibt es keine vergleichbare Analogie in der Wirtschaftsgeschichte.

Nahezu alle Unternehmen in allen Branchen werden nahezu zeitgleich mehrere Kernelemente ihres Geschäftsmodells entscheidend verändern. Die Unternehmer müssen dabei in einem Umfeld größter Unsicherheit experimentell vorgehen. Es gibt keine Patentrezepte für diesen Wandel. Dieses "VUCA"-Umfeld (Kürzel für Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiquity) erfordert eben auch noch eine andere Organisations- und Entscheidungskultur von Unternehmen.

Frage: Wie genau verändert die Digitalisierung den Markt, die Kunden und die Wertschöpfung?

Ja, das ist sie – die Frage nach dem „Stein der Weisen“. Eine universalgültige Antwort auf diese Frage macht über Nacht reich und berühmt. Leider habe ich nur Teile der Antwort.

Eine Charakteristik der Veränderung habe ich bereits genannt: die Zeit. Die unheimlich hohe Geschwindigkeit verursacht diesen hohen Veränderungsdruck in Unternehmen.

Dann sind natürlich die markt-seitigen Aspekte des Geschäftsmodells am meisten betroffen: Kundensegmente, Vermarktungskanäle, Kundenbeziehungen, das eigene Wertversprechen und die Differenzierung zum Wettbewerb. All das verändert sich.

Letztendlich wirkt hier wieder das Darwin'sche Prinzip des "survival of the fittest": wer sich schnell an die geänderten Rahmenbedingungen anpasst, wird profitieren.

Frage: Wie weit ist die Digitalisierung aus Ihrer Sicht schon fortgeschritten?

Diese Frage höre ich oft mit dem Unterton „wann ist es endlich vorbei?“. Je nach Branche und Region haben wir teilweise seit Jahrzehnten Digitalisierung und das wird auch nicht wieder aufhören. Letztendlich beenden wir das Zeitalter der globalisierten Industrialisierung und beginnen die globalisierte Digitalisierung.

Die Vordenker dieser Entwicklung und ihrer Auswirkungen auf Gesellschaft und Weltordnung lesen sich ein bisschen wie Jules Verne oder die Utopien des 19. Jahrhunderts. Ich denke, es ist spürbar und plausibel, dass wir mitten in großen Veränderungen leben. Für neugierige Optimisten sind das spannende Zeiten.

Frage: Warum fördern Kooperationen zwischen Start-ups und Unternehmen die Digitalisierung von Geschäftsmodellen und -prozessen?

Ich habe das aktuelle Umfeld mit „VUCA“ beschrieben. Was für etablierte Unternehmen ein Ausnahmezustand ist, ist für Start-ups der Normalfall: das Finden von Kunden, Wertversprechen und Geschäftsmodell bei knappen Ressourcen und hohem Zeitdruck. Von Start-ups kann man also essentielle Fähigkeiten lernen: das Finden und Verändern von tragfähigen Geschäftsmodellen und dafür notwendigen Prozessen. Ob es dazu Kooperationen, M&A, Gründungen oder Austausch anderer Art benötigt, ist dabei zweitrangig.

In den letzten 15 Jahre wurden die Eckpfeiler einer neuen Management-Theorie herausgebildet, erprobt, verbessert und verbreitet. Die Start-ups der Innovationszentren im Silicon Valley und anderswo waren dafür das Labor. Dort wurde das Organisieren und Führen im „VUCA“-Umfeld verstanden und gelöst. Herausgekommen ist fast das Gegenteil dessen, was die klassische Management-Ausbildung bis zum Jahr 2000 umfasst hat.

Bücher wie "Lean Startup" von Eric Riess, "The Innovators Dilemma" von Clayton Christensen, "Business Modell Generation" von Alex Osterwalder geben dazu einen ersten Impuls.

Die Notwendigkeit dazu kann man sich in den Büchern „Silicon Valley“ und „Silicon Germany“ von Christoph Keese klarmachen lassen.

Frage: Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeitswelt? Wird der Mensch überflüssig?

Ja, unsere Arbeitswelt wird sich radikal verändern. Aber nein, der Mensch wird ganz und gar nicht überflüssig. Viele Berufsbilder werden verschwinden, andere sich stark wandeln und ganz viele neu entstehen.

Wir erleben aktuell einen Höhepunkt an Durcheinander und Verwirrung, weil an jahrzehntelang gültigen Prämissen gerüttelt wird und sicher geglaubte Fundamente ganzer Branchen zerbröseln. Das erhöht die Unsicherheit bei vielen Beschäftigten, die seit Jahren eine zunehmende Veränderung ihrer beruflichen Anforderungen erleben. Darauf müssen Gesellschaft, Politik und Unternehmen eingehen. Das wird Jahre dauern und viel Geld kosten.

Natürlich ist es unbequem, sich konsequent mit den Folgen der Digitalisierung zu beschäftigen. Aber letztlich bietet sich uns die Chance, neu zu denken, wie wir die Arbeitsleistung in unserer Gesellschaft verteilen wollen, welche Probleme wir lösen wollen. Als Beispiel für solche Diskussionen möchte die die Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen anführen.

Frage: Welche Anforderungen stellt der disruptive Wandel, der in vielen Branchen durch die Digitalisierung entsteht, an Führungskräfte?

Wer Antworten sucht, muss nachdenken und sich mit anderen austauschen. Das kostet Zeit. Wer bis zum Hals im Tagesgeschäft feststeckt, wird das nicht bewältigen. Erste Anforderung ist also, sein Tagesgeschäft zu delegieren und mehr Mitarbeiter in Verantwortung zu nehmen.

Dann ist ein neues Handwerkszeug aus der bisher eher belächelten Start-up-Welt zu erlernen, dass den meisten Inhalten der eigenen Ausbildung und Erfahrung widerspricht.

Schließlich gelangt man zu des "Pudels Kern" der Digitalisierung: Akzeptieren, dass der Wandel nur gelingen kann, wenn grundlegende Einstellungen, die Kultur, das Mindset und die Praktiken zur neuen Epoche passen.

Auf einen prägnanten Satz gebracht: Von einer Führungskräften wird verlangt, den Manager und Verwalter hinter sich zu lassen und ein Gestalter, ein Erklärer, ein Pionier, ein Vorstreiter zu werden. Ein "Leader".

Frage: Was würden Sie Unternehmen raten um für die digitale Transformation fit zu sein?

Einem Unternehmen kann ich nichts raten. Ich habe Rat für Unternehmer:

Das ist Ihre Chance! Ergreifen Sie sie! Die Karten für die zukünftige globale Wirtschaft werden neu gemischt. Was soll Ihre Rolle sein? Wozu existiert Ihr Unternehmen? Welchen Wert wollen Sie in fünf Jahren für Ihre Kunden schaffen?

Denken Sie wie ein Start-up, gründen Sie Ihr Unternehmen neu auf eine neue Idee.

Seien Sie nutzer-zentriert und besessen von den Bedürfnissen Ihrer (zukünftigen) Kunden. Vergessen Sie den Wettbewerb.

Werden Sie agil, schlank, flexibel. Experimentieren Sie mit Ihrem Geschäftsmodell. Zerstören Sie es nötigenfalls selbst, bevor es neue Wettbewerber tun.

Hören Sie niemals auf zu lernen, das Bisherige in Frage zu stellen und entwickeln Sie Spaß daran, Ihr Unternehmen ständig zu verändern.


Sie haben noch Fragen?

Ihr Ansprechpartner

Thomas Hemmer
Chief Technology Officer

Kontakt
thomas.hemmer@conplement.de
Tel.: +49 911 25 50 976 0


Gekürzte Version erschienen in Wiko, Oktober 2017 hier lesen...


Präsentation Innovationstag 2017, IHK Regensburg PDF zum Download


Essay zur digitalen Transformation
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