conplement AG

Die digitale Transformation bewältigen

Disruption in der produzierenden Industrie

Der folgende Content entstammt einem Vortrag unseres CTO Thomas Hemmer aus einer Veranstaltung zu hybriden Geschäftsmodellen in der Reihe „IT4Industry“ bei der IHK Nürnberg. Die hier veröffentlichte dokumentierte Präsentation erleichtert den Teilnehmern das Nachvollziehen des Vortrags.


Die vorliegende Präsentation erläutert die digitale Transformation aus dem Blickwinkel des Referenten, leitet die grundlegenden Herausforderungen ab und definiert anhand von Beispielen die primären Handlungsfelder.

Natürlich kann ich in einer halben Stunde keine vollständige Abhandlung zum Thema abliefern, sondern nur die für mich wichtigen Eckpfeiler und grundlegenden Erkenntnisse. Basis dafür sind etwa 50 Gespräche mit Entscheidern aus der produzierenden Industrie, dem Maschinen- und Anlagenbau über die letzten 18 Monate.


Transformation

Eine aus den Gesprächen gewonnene Erkenntnis ist die mangelnde Auseinandersetzung mit dem Kern der Digitalisierung. Stattdessen wird „Industrie 4.0“ als Synonym verstanden und intensiv diskutiert. Aber reicht das? Ist damit wirklich genug getan? Ist die Digitalisierung wirklich nur die nächste große Innovation nach der Industrieautomation?

Wenn ja, dann müssen Sie nur die Handlungsempfehlungen der BITKOM lesen. Ich muss mich leider vielen Kritikern des Industrie 4.0 Hypes anschließen und die einseitige Thematisierung der „Smart Factory“ bemängeln. In der Folge werden die durch die Digitalisierung getriebenen Veränderungen in den Wertschöpfungsstrukturen weitgehend ausgeblendet.

Ich habe eine andere Lesart zur Dimension der digitalen Transformation. Aber vorher kurz ein Exkurs zur Morphologie einer Transformation:

Transformation, weil Disruption

Aus dem Gefühl heraus betrachtet erscheint der technologisch bedingte Fortschritt linear oder vielleicht exponentiell, aber eben stetig zu verlaufen. Die Technologieforschung hat dem das Konzept der S-Kurven entgegengesetzt und begründet.

Aus dieser Fehlinterpretation der fortschreitenden technischen Entwicklung entstammt eine Vielzahl von Fehlprognosen, die eben einfach Vergangenes in die Zukunft fortschreiben. So entstand rund um 1850 die Prognose für New York, die ein Ende des Wachstums der Stand postulierte, weil sie sonst „im meterhohen Pferdemist ersticken würde“.

Diagramm „S-Kurven-Konzept“ von Prof. Dr. Martin G. Möhrle / Prof. Dr. Dieter Specht [4]- Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: S-Kurven-Konzept, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/82555/s-kurven-konzept-v6.html. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Da der Fortschritt aber eben nicht stetig, sondern in aufeinanderfolgenden „S-Kurven“ abläuft, entstehen regelmäßig solche und andere Fehlprognosen. Spannend sind in diesem Zusammenhand die Übergänge von einer Technologie zur nächsten. Noch spannender sind Zeiten, in denen mehrere grundlegende Durchbruch-Innovationen zeitlich eng aufeinander folgen und sich überlagern. Genau dann gelten plötzlich für einzelne Unternehmen, ganze Branchen oder die ganze Gesellschaft neue Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Alte Regeln gelten plötzlich nicht mehr. Genau dann kann man von einer Disruption sprechen. Genau dann wird von einer Vielzahl von Unternehmern und deren Mitarbeitern eine Transformation abverlangt.

Die für mich mit der Digitalisierung vergleichbare Disruption wurde ebenso von einigen kurz aufeinanderfolgenden Durchbrüchen ausgelöst. Beispielhaft habe ich vier Erfinder aus dieser Epoche ausgewählt:

  • James Watt, der 1769 seine verbesserte Dampfmaschine vorstellte. Mechanische Arbeit war plötzlich im Überfluss leistbar.
  • Die Brüder Wilhelm und Friedrich Siemens, die mit der Siemens Martin Stahlerzeugung hochqualitative Stähle ermöglichten
  • Werner von Siemens, der 1867 das elektrodynamische Prinzip veröffentlichte und damit die Elektrifizierung einläutete.

Stellen Sie sich vor, wie sich die Gesellschaft und die Wirtschaft in der folgenden Zeit veränderten. Nicht umsonst heißt diese Epoche „Gründerzeit“.

In einigen Jahren werden wir wissen, welche Durchbruchs-Innovationen wir in den Geschichtsbüchern zur Digitalisierung finden werden. Vielleicht die Erfindung des integrierten Schaltkreises 1958, den ersten Mikroprozessor 1970, das Internet, dass World-Wide-Web, Google, Wikipedia etc …

Im stetigen Umfeld innerhalb einer „S-Kurve“ gelten die Regeln der stetigen Optimierung, der kontinuierlichen Fortschritte und der Skaleneffekte. Dort befeuert der Erfolg der Vergangenheit den zukünftigen Erfolg. In den Brüchen „zwischen den Kurven“ gilt das Darwin´sche Prinzip des „survival of the fittest“. Dort wirkt die von Schumpeter beschriebene „schöpferische Zerstörung“ des Kapitalismus.

Wenn wir also mit der Digitalisierung eine Überlagerung von Innovationen vor uns haben, die mit der Industrialisierung vergleichbar ist, dann wird die anstehende oder bereits wirkende Disruption einen großen Anpassungsdruck erzeugen, den wir als digitale Transformation begreifen.
Die neu geltenden Gesetzmäßigkeiten, Möglichkeiten und Konsequenzen werden dazu führen, dass viele ehemals erfolgreiche Marktteilnehmer verschwinden oder marginalisiert werden. Ähnlich wie kaum ein Kutschen-Hersteller im Zeitalter von Eisenbahn und Automobil erfolgreich bleiben konnte.

Schreiben Sie also Ihren vergangenen Erfolg nicht einfach in die Zukunft fort! Ohne Transformation wird das nicht gelingen!

Diese Entwicklung kommt nicht erst, wir sind mittendrin. Bereits im Jahr 2012 war das Durchschnittsalter der 500 größten amerikanischen Aktiengesellschaften (gelistet im S&P 500 Index) auf 15 Jahre gesunken. Die damaligen Schätzungen erwarteten, dass 75% der Unternehmen, die im Jahre 2020 in dieser Liste sein werden, damals noch nicht bekannt wären. Bereits seit Jahren lösen neue Spieler die etablierten Unternehmen am Kapitalmarkt ab. An diesem Indikator mache ich fest, dass diese Entwicklung disruptiv ist und nicht etwa „wieder vorüber geht“. Ein „Weiter wie bisher“ ist also keine Option.

Digital verstehen

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/ File:Transistor_Count_and_Moore %27s_Law_-_2011.svg (CC BY-SA 3.0)

  Graph of computations/kWh from 1946 to 2009 by Jonathan Koomey is licensed under (CC BY-SA 3.0)   Quelle:
https://blog.networks.nokia.com /iot/2016/03/21/moores-law-metcalfes-law-iot

Ein kleiner Exkurs zum „Digitalen“. Wenn wir die digitale Transformation erfolgreich bestehen wollen, müssen wir uns einige grundlegende Zusammenhänge verdeutlichen.
Seit über 40 Jahren gilt „Moores Law“, dass sich die mögliche Transistor-Packdichte auf einem Halbleiter (und damit die Leistungsfähigkeit) alle 15-18 Monate verdoppelt.
Jonathan Koomey hat postuliert, dass sich seit den 40er Jahren die Rechenleistung pro aufgewendeter Energie ebenfalls etwa alle 18 Monate verdoppelt.

Aufgrund des exponentiellen Charakters dieser Zusammenhänge verliert man leicht das große Bild: damit verhundertfacht sich die Energieeffizienz von Prozessoren in jedem Jahrzehnt bzw. verhundertfacht sich die Rechenleistung pro Halbleiterfläche pro Jahrzehnt.

Ein weiteres – besonders für das „Internet-of-Things“ wichtiges Gesetz beschreibt den Wert bzw. Nutzen aus Netzwerken: Die Kosten eines Netzwerks steigen in Näherung linear mit der Anzahl der angeschlossenen Teilnehmer. Der Wert bzw. der potentielle Nutzen aus dieser Vernetzung steigt aber näherungsweise mit der Anzahl der möglichen Verbindungen zwischen allen Teilnehmern. Vereinfacht lässt sich sagen, dass ein Netzwerk mit linear steigenden Kosten wächst, aber einen exponentiell steigenden potentiellen Wert darstellt. Damit lässt sich begründen, warum etwa Facebook mit 10 Millionen Teilnehmern ein x-faches an Unternehmenswert hat als vorher mit 5 Millionen Teilnehmern.

Herausforderungen

Wenn wir also die nötige Transformation aufgrund der „Digitalen Disruption“ akzeptieren müssen, stellt sich sofort die Frage nach den entstehenden Herausforderungen und möglichen Lösungen.
Für mich ergeben sich anhand der bisherigen Entwicklung drei naheliegende Erkenntnisse:

  • Digitalisierung beseitigt Ineffizienzen durch Verwertung von Erkenntnis. Erkenntnis kommt von Daten, aus denen Informationen „destilliert“ wurden (vgl. durchschnittliche Laufzeit von Bohrmaschinen und durchschnittliche Nutzung eines privaten Automobils pro Tag und die mögliche Disruption durch „Shareconomy“ Modelle)
  • Digitalisierung reisst die Mauern bisher verteidigungsfähiger Geschäftsmodelle nieder. Es gibt kein Herrschaftswissen mehr, auf das sich etablierte Geschäftsmodelle stützen können (vgl. Versicherungen, Banken, Steuerberater etc…)
  • Digitalisiert marginalisiert nicht-digitalisierte Geschäftsmodelle, nimmt z.B. dem Hersteller den Kontakt zum Nutznießer eines Angebots (iTunes, Über, AirBnB etc.)

Hier verweise ich für vertiefende Betrachtung auf das Buch „The Innovator´s Dilemma“ von Clayton M. Christensen et.al..

Herausforderungen - VUCA

Das Umfeld für Entscheider in der Umbruchszeit „zwischen den S-Kurven“ wird heute oft mit dem Kürzel VUCA beschrieben: ein Umfeld voller Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit. Der Begriff wurde im Militär nach Ende des kalten Krieges geprägt. Als Konsequenz aus diesem Umfeld ist zu akzeptieren, dass wohl kein Entscheider für ein solches Umfeld ausgebildet ist und keine Organisation (außer militärischen Spezialeinheiten) auf so ein Umfeld vorbereitet ist.


Meine Interpretation der Realitäten von VUCA:

  • V – bereiten Sie sich auf wilde Zeiten vor.Die Herausforderungen werden unerwartet und unstabil sein und Sie für einen unbestimmbaren Zeitraum beschäftigen.
  • U – kaum Vorhersehbarkeit, kaum Prognostizierbarkeit, Potential für Überraschungen
  • C – keine trivialen „Kochrezepte“, Umfeld nicht vereinfachbar, nicht standardisiert lösbare Herausforderungen (viele Einflussfaktoren, schwierige Abgrenzung)
  • A – oft schwer, Ursache und Wirkung zu finden – Mehrdeutige Erkenntnisse, typisch: „Alle Fakten liegen auf dem Tisch und was heißt das jetzt?“

Herausforderungen

Zurück zum Bild: Welche Kugel muss der Unternehmer bewegen? Erst einmal muss er sie schnell bewegen. Die Zeit der Gründerväter haben wir heute nicht!
Konsequenzen aus dem VUCA-Umfeld:

  • Grenzen für Planbarkeit und Richtlinien -> nötig sind andere Führung, andere Ziele; aus konkreten Plänen werden „Visionen“ oder grobe Richtungsentscheidungen für möglichst autark arbeitende Organisationseinheiten
  • Fehlschläge sind nicht zu sanktionieren -> nötig ist positive Kultur des Experimentierens und Scheiterns nach dem Motto„wieder was gelernt“ (empfehlenswert ist die „Build-Measure-Learn“ Methodik aus dem Buch „The Lean Startup“ von Eric Riess)

Neuer Nutzen

Die für mich zentrale Herausforderung ist vom Unternehmer bzw. vom Eigentümer eines Unternehmens selbst zu bewältigen:

  • Welches zentrale Nutzenversprechen, welchen Sinn, welche Existenzberechtigung wollen Sie als Unternehmen nach Ihrer Transformation haben?
  • Treffen Sie die unternehmerische Entscheidung neu, die Ihre Gründerväter im Unternehmen getroffen haben

Erst dann kann es sinnvoll sein, die kleinteiligen Weichenstellungen im Unternehmen voranzutreiben, die als Leitfäden und Handlungsempfehlungen zur Digitalisierung durch das Internet verbreitet werden.

Egal, ob Henry Ford das wirklich so gesagt hat: Fragen Sie NICHT Ihre Kunden, was sie heute wollen oder was sie heute glauben, dass sie morgen brauchen. Das hilft Ihnen in der Phase der digitalen Transformation nicht.
Erforschen Sie vielmehr mit Ihren visionärsten Kunden und Nicht-Kunden, was diese morgen brauchen werden. Lernen Sie als Organisation neue Methoden wie z.B. Design Thinking, um die Herausforderungen aktiv anzugehen.

Neues Mindset, neue Führung, neue Kultur

Es gibt Beispiele, die inspirieren und Mut machen – gerade auch aus Deutschland. Der „angestaubte Versandhändler“ ist Otto jedenfalls heute keinesfalls mehr, wie ein Auszug aus dem Selbstverständnis einer Stellenanzeige belegt.

Fazit

Kein Unternehmer gibt freiwillig auf, schließt sein Unternehmen, verlässt den Markt und macht Platz für die „digital Natives“. Das liegt nicht in der Natur unseres Wirtschaftssystems – quasi ein allgemeiner Grundsatz.
Trotzdem werden viele heute erfolgreiche und lang etablierte Spieler den Sprung im System nicht schaffen. Auch das liegt in der Natur des Systems und ist Teil der „schöpferischen Zerstörung“.

Die Digitalisierung ist DIE große Veränderung unserer Zeit.
Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden.
Alles, was vernetzt werden kann, wird vernetzt werden.
Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert werden.

Dadurch erzwingt die Digitalisierung eine radikale Transformation etablierter Unternehmen, um auch in Zukunft relevant und erfolgreich zu sein.
Jedes etablierte Unternehmen trifft auf spezifische Herausforderungen. Grundlegende Handlungsmuster und typische Handlungsfelder gelten aber universell.

(VUCA)
Die digitale Transformation kann nur der Unternehmer unternehmen. Oberste Forderung für Transformation: werden Sie wieder Unternehmer, treffen Sie neu die unternehmerische Entscheidung, gehen Sie ins Risiko, werden Sie vom Verwalter zum Unternehmer, vom Manager zum Leader.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche in seinem Zarathustra:
„Und wer ein Schöpfer sein muß im Guten und Bösen: wahrlich, der muß ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen.“

Der Autor

conplement AG

Thomas Hemmer
Chief Technology Officer

Kontakt
thomas.hemmer@conplement.de
Tel.: +49 911 25 50 976 0


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